Von der real existierenden Demokratie und pfiffigen Volksspielen

Seite 26, Frankfurter Rundschau, Donnerstag, 10. November 1988, Nr. 263
DOKUMENTATION

Oder: Wie ergattert man eine Mehrheit, um Herrschaft auszuüben,
ohne daß das Stimmvolk es durchschaut / Fragen und Antworten

„Demokratie – ein Traum?” Diese Frage stellt der schweizerische Schriftsteller Max Frisch. Er fragt nach dem Recht der Mehrheit und dem der Minderheit. „Einspruch”, die schweizerische Zeitschrift der Autoren, gab die Fragen Max Frisch’s an eine Reihe von Autoren und Autorinnen weiter. Im Heft Nr. 11/88 (Herausgeber Alexander Seiler und Bruno Schärer im Zytklogge-Verlag, Bern) sind zehn Antworten veröffentlicht. Wir [die Frankfurter Rundschau 1988] dokumentieren mit Genehmigung der Autoren die Fragen Max Frisch’s und die Antworten von Peter Bichsel (Schriftsteller, Schweiz) und Christoph Türcke (Privatdozent für Philosophie, Bundesrepublik).

Max Frisch - 1911 bis 1991Max Frisch: Demokratie – ein Traum?

Wer in unsrer Gegend aufgewachsen ist, gleichgültig in welcher Steuerklasse, weiß, daß wir Demokratie haben. In der Volksschule ist man sogar überzeugt, die Demokratie sei am Vierwaldstättersee erfunden worden. Was jedenfalls die Demokratie ausmacht: es ist die Mehrheit, die entscheidet; die Minderheit hat sich zu fügen, aber sie behält das Stimmrecht und somit die Freiheit. Das weiß ich, seit ich hören kann. Was die Schweiz betrifft, so haben wir nicht nur eine Demokratie wie andere, sondern die direkte Demokratie: nicht bloß Wahlen, sondern Abstimmungen jahrein und jahraus, dazu die Volks-Initiative und das Referendum, und jeder rechte Schweizer ist stolz darauf. daß wir so etwas vorzuführen haben:

Demokratie als Urnenvolksspiel?
Wenn wir als kritische Schweizer verwiesen werden auf den real existierenden Sozialismus, der, gemessen an der Sozialismus-Utopie, eine Misere ist, und das wissen wir nicht bloß aus unserer Bürgerpresse, sondern aus eigener Besichtigung: eine Misere, ja, grau und trostlos – ich meine, man kann nicht sprechen von dem real existierenden Sozialismus einerseits und unsrerseits von Demokratie als Plakat, als Folklore usw., das bringt uns keine Einsichten; sondern wir haben auch unsrerseits zu sprechen von der real existierenden Demokratie nach bürgerlicher Art – nicht zu sprechen also wie zu irgendeiner Feierstunde irgendein Bundesrat, als sei er noch nie einer Lobby begegnet, das Volk unumwunden als Souverän bezeichnet.
- und der Souverän beklatscht sich. Die Frage, die ich Ihnen unterbreiten möchte, weil sie mich ratlos macht, ist grundsätzlich die gleiche Frage, wie sie sich im Hinblick auf die Misere des real existierenden Sozialismus stellt; dort heißt sie: Ist die Misere (dort) nur die Folge eines temporären Versagens, sozusagen ein lokal-historisches Happening (Stalin), oder ist sie zwangsläufig? – was heißen würde, daß die Sozialismus-Utopie, ausgesetzt der menschlichen Natur, also der Canaille, die der Mensch wohl sein kann, immer und überall scheitern muß. Das gilt für viele als ausgemacht. Die grundsätzliche Frage an uns: Kann unsere Demokratie-Utopie, ausgesetzt der menschlichen Natur, also der Canaille, die der Mensch in der Mehrheit ist, zu etwas anderem führen als zu der real existierenden Demokratie der Lobbies, getarnt durch Folklore? – oder mit andern Worten: Wieviel wirkliche Demokratie (Volk als Souverän) ist im real existierenden Kapitalismus überhaupt möglich?

Wer regiert die Schweiz?
- ein Titel von Hans Tschäni, ein nützliches Buch und wenig verbreitet. Mögen wir denn wissen, wer uns regiert? Ein folgender Titel von Hans Tschäni macht neugieriger, obschon es im Grund genau dieselbe Frage ist: Wem gehört die Schweiz? Zum Beispiel: 0,5 Prozent besitzt 50 Prozent des versteuerten Gesamtvermögens, d. h. von 200 Eidgenossen besitzt 1 Eidgenosse soviel wie die 199 andern. Und unter 10 Eidgenossen ist es 1 Eidgenosse, der 80 Prozent der Immobilien besitzt …

Demokratie – ein Traum
Ich erinnere mich, wie ich als Gymnasiast neben dem Pult zu stehen und den Vers vorzulesen hatte: Mehrheit ist der Unsinn. Und weiter; Verstand ist stets bei wen’gen nur gewesen. Ich war empört, Klassiker hin oder her, und wurde belehrt, das sage ja nicht Friedrich Schiller, der uns den Tell so bühnenwirksam vermacht hat, nein, sondern es ist ein Fürst, der so redet, ein Zaren-Höfling. Das mußte ich einsehen, aber solche Verse verletzten ein Tabu in mir, und es blieb, als ich mich setzen durfte, meine Empörung als Schweizer.

Mehrheit ist der Unsinn
Wieso eigentlich entscheidet die numerische Mehrheit? Das halte ich heute für eine anständige Frage. Wieso hat die Mehrheit denn recht? – einmal angenommen, es sei die Mehrheit, die tatsächlich entscheidet etwa über Rüstung oder in der Wirtschaft überhaupt; Weiß denn die Mehrheit, worüber sie zu entscheiden hat? Wer unterrichtet sie, d. h. wer hat die Medien-Konzerne, um sie zu unterrichten? Zum Beispiel vor der Abstimmung über eine Bankeninitiative, die das schweizerische Bankgeheimnis vorsichtig in Frage stellt, oder vor einer Abstimmung über Mieter-Schutz oder vor der Abstimmung über eine Volks-Initiative gegen Boden-Spekulation und so fort

Einerseits: die Mehrheit zu entthronen, und sei’s auch bloß gedanklich, nämlich durch den Zweifel, ob denn die Mehrheit richtiger für das Gemeinwohl entscheide als eine Minderheit, führt natürlich auf einen sehr gefährlichen Grat, Abgrund links und rechts, ich weiß: links die Einheitspartei im Namen des Volkes, das sie entmündigt, rechts jede Art von Militär-Junta –

Andrerseits: indem wir uns jeden Zweifel an der politischen Kompetenz der numerischen Mehrheit verbieten und nur noch fernsehen, schützt das uns vor dem Versagen unserer parlamentarischen Lobby-Demokratie? Ich bin gespannt auf Ihre offenen Antworten. Hinzu kommt, daß die Mehrheit der Stimmberechtigten in unsrem Land gar nicht mehr zur Urne geht. Kein Parlamentarier, kein Regierungsrat in der Schweiz darf sagen, er sei von einer Mehrheit der Stimmberechtigten gewählt. Bei den letzten eidgenössischen Wahlen betrug die Stimmbeteiligung etwa 47 Prozent. Das ist höher als üblich. In einem Kanton wurden die.Ständeräte gewählt mit einer Stimmbeteiligung von 22 Prozent. Was Was heißt da noch Mehrheit? Da genügen 12 Prozent zu einer Ständerats-Wahl. Und wozu eigentlich tun wir so, als glaubten wir, die Mehrheit entscheide? Als wüßten wir nicht, was die Mehrheit im Land, die eben deswegen nicht mehr zur Urne geht, selbstverständlich findet: de facto, aber wenn möglich durch demokratische Folklore getarnt, entscheidet ohnehin die Macht, in der freien Welt also das KapitaL Warum darf man das nicht zugeben? Könige und Fürsten prunkten mit ihrer Macht. Was wir an ihrer Stelle haben, ist nicht Liberté-Fraternité, sondern ein rechtsstaatlicher Apparat in Perfektion, der sich mit einiger Pfiffigkeit so handhaben läßt, daß die Machtausübung allemal als demokratisch erscheint.
Was hier unter Politik verstanden wird: Pfiffigkeit wie ergatterst du eine numerische Mehrheit um deine Herrschaft auszuüben, ohne daß das Stimmvolk es durchschaut.

Um endlich das Gespräch zu eröffnen: Sehen Sie in der Tatsache daß es Volksabstimmungen gibt noch und noch (wobei die streitenden Parolen sehr unterschiedliche Werbe-Budgets haben) und daß im Parlament, sowie in den Kommissionen die numerische Mehrheit entscheidet – sehen Sie darin schon eine Garantie für Demokratie?

Chr. TürckeChristoph Türcke: Masse und Minderheit

Bei den Reichtagswahlen im Juni 1932 erhielten die Nazis 37,4 Prozent der Stimmen, im November 33,5 Prozent. Das war noch nicht die Mehrheit, genügte aber, um an die Macht zu kommen und auf diesem Wege zur Mehrheit. Oder sollte die siegestrunkene Masse, die Hitler nach dem Frankreich-Feldzug nach sieben Jahren Erfahrung mit nationalsozialistischer Herrschaft zujubelte, nicht die Mehrheit gewesen sein? Der Glaube, daß zwar viele einzelne in diesem und jenem irren können, aber doch nicht Millionen Menschen auf einmal und in derselben Sache, daß die Massenhaftigkeit und Intensität ihres Wollens vielmehr einen spontanen Instinkt fürs Richtige verrate – dieser Glaube müßte spätestens seit der durch den Gang des Dritten Reichs erteilten Lehre unter Strafe gestellt sein. Er ist es natürlich nicht, denn von ihm lebt die Demokratie, wie sehr er sie seither auch kompromittiert. Daß eine gute Staatsform noch nicht erfunden, die Demokratie aber die beste aller schlechten sei: angesichts der Atomgefahr gerät dieses Bonmot zur Ausrede. Die ersten Atombomben warf eine Demokratie. Selbst die Mehrheit ist kein sicherer Schutz gegen das Schlimmste, und das Schlimmste macht alle Staatsformen gleich. Es spielt für die Katastrophe keine Rolle, ob ein Mehrheitsvotum oder diktatorische Anordnung sie einleitete. Erst vom Extremfall aus wird deutlich, dass auch im politischen Alltag beide gar nicht so schrecklich weit auseinanderliegen.

Denn was ist die Mehrheit? Ein Quantum von Werktätigen und Arbeitslosen, Lohn- und Diätenempfängern, Christen und Fußballfans, Gewerkschaftern und Unternehmern, Jungen und Alten, Frauen und Männern – kurzum, jene Ansammlung, von der Le Bon schon vor dem Ersten Weltkrieg schrieb: Welche Art auch die sie zusammensetzenden Individuen sein mögen, wie ähnlich oder unähnlich ihre Lebensweise, Beschäftigung, ihr Charakter oder ihre Intelligenz ist, durch den bloßen Umstand ihrer Umformung zur Masse besitzen sie eine Kollektivseele, vermöge derer sie in ganz anderer Weise fühlen, denken und handeln als jeder von ihnen für sich fühlen, denken und handeln würde. Es gibt Ideen und Gefühle, die nur bei den zu Massen verbundenen Individuen auftreten oder sich in Handlungen umsetzen. In der Masse nämlich neigen die Individuen zur Regression, das heißt zur Rückbildung ihrer intellektuellen Errungenschaften, Besonnenheit und Urteilskraft, und zur Hervorkehrung unbefriedigter, unbewältigter Triebe und Wünsche, weil bei der Anonymität und demnach auch Unverantwortlichkeit der Masse das Verantwortlichkeitsgefühl welches die Individuen stets zurückhält, völlig schwindet.

In der funktionierenden Demokratie geben sich Verantwortlichkeit und Unverantwortlichkeit ihr schönstes Stelldichein vielleicht am Wahlsonntag. Kein Tag, an dem das Volk, der Souverän, so viel Verantwortung für sein Geschick zeigt wie an ihm; aber auch kein Tag, an dem der Souverän derart Masse ist, sich fühlt und handelt, wie er alltags sich nie fühlt und handelt, einen Wust unbefriedigter Wünsche, infantiler Identifikationen und halbgarer Überlegungen in Form eines politischen Votums loslassen und damit für die nächsten Jahre alle Verantwortung von sich wälzen darf. Der Stimmzettel ist ein Ventil. Abgegeben wird er mit der Überzeugung, daß die bestehende die beste aller Staatsformen ist und Organisationsform einer Massen- nicht einer Klassengesellschaft. Gruppierungen, die das ernstlich bezweifeln, betrachten ihre Teilnahme an Wahlen gewöhnlich als Durchgangsphase, als Stärkungsmittel, um dermaleinst etwas anders zu veranstalten als Wahlen. In den satten Ländern bilden sie eine verschwindende, chancenlose Minderheit.

Die Demokratie funktioniert – gerade dadurch, daß der Souverän Masse ist, nämlich Manövriermasse der gewählten und wiederzuwählenden Repräsentanten. Es ist die gleiche Art von Kalkulation, die der Stimmen- und die der Aktienmehrheit gilt. Die Bedürfnisse der Individuen sind ein psychologischer Rechnungsposten. Reklame und Propaganda gehören zum Innersten der Demokratie. Der Wahlkampfetat ist ihr Wahrzeichen. Freilich kommt es darauf an, die Stimmberechtigten nicht merken zu lassen, wie sehr sie Masse sind. Nur solange man sie als mündige Bürger anspricht, sind sie Stimmvieh. Dazu ist nichts geeigneter als die Massenmedien. Sie bedürfen der Menschenzusammenballung auf großen Plätzen oder in den Stadien nicht mehr. Sie kommen ins Haus und kultivieren damit einen Doppeleffekt, den das Fernsehen auf die Spitze treibt: die Individuen in einer überdimensionalen, unüberschaubaren Masse versinken zu lassen und sie zugleich davon zu isolieren. Jeder für sich hat auf der Mattscheibe die Welt zu Gast, jeder ist persönlich beteiligt, angesprochen, aufgerufen, jeder soll sich sein höchsteigenes Urteil bilden. Vor jeder Glotze hockt ein Souverän. Und ohne die tägliche Schmeichelei, die der Apparat auf die Menschen ausübt, würden sie nicht aushalten, was er ihnen täglich antut. Er macht sie zu einer Masse die auf unzählige Wohnzimmer verteilt, sich als Masse nicht mehr wahrnimmt, als Masse nicht mehr reagieren kann, zur spontanen Zusammenrottung mit unberechenbarer Eigendynamik von der früher einmal wirkliche Gefahr für die Herrschenden ausging, die Kraft nicht mehr aufbringt, so etwas wie eine “Kollektivseele” gar nicht mehr auszubilden vermag, sondern sie durch das Medium eingeblasen bekommt. Durch den Fernseher wird die Vermittlung von Allgemeinem und Einzelnem, wie die Demokratie sie erfordert, tatsächlich geleistet. Seine Klientel, die atomisierte Masse, ist denn auch der Stoff aus dem sich zwischen christlich liberal und sozial bis zum jüngsten Tag ständig wechselnde Mehrheiten bilden lassen: die materielle Grundlage einer lebendigen und dauerhaften Demokratie. Ihr authentischer Repräsentant ist nicht der Bundespräsident, sondern der mündige Fernsehzuschauer. Nicht nur repräsentiert er, was die Mehrheit allabendlich freiwillig tut! Ohne sich dadurch nur einen Zentimeter näher zu kommen. Er stellt auch den abstrakten Typus Mensch dar, aus dem die jeweilige politische Mehrheit sich zusammensetzt. Sie ist keine Vereinigung, die sich selbst konstituiert sondern ein Quantum, das durch Auszählen festgestellt wird. Sie handelt nicht sondern läßt handeln, gibt einen Auftrag zur Machtausübung, den von einem Alibi klar zu unterscheiden niemand mehr in der Lage ist, fällt danach ins Ungreifbare zurück, bis sie beim nächsten demokratischen Anlaß durch erneutes Auszählen wieder für einen Moment greifbar wird. Was die Mehrheit außer Manövriermasse noch ist, was sich an konkreten Erfahrungen und Schicksalen hinter ihr verbirgt, ist schwer zu ergründen. Die Meinungsforschungsinstitute, die es versuchen, werden kaum fündig, solange sie Äußerungen des Fühlens und Denkens registrieren wie der Wahlmodus den politischen Willen: durch multiple choice. Man darf ankreuzen.

Die Mehrheit ist ein Nobody, unergiebig daher, auf ihr herumzuhacken. Es trifft niemanden. Die Aversion gegen die Masse, den Pöbel, den Mob hatte bei Denkern von Format wie Hegel, Schopenhauer, Nietzsche zwar immer das Wahrheitsmoment, die Augenwischerei vom souveränen Volkswillen in der bürgerlich-kapitalistischen Demokratie bereits zu durchschauen, noch ehe sie zur vollen Entfaltung kam. Sie hatte aber auch immer das Mißliche, von eben jenen bürgerlich-kapitalistischen Bedingungen, die so etwas wie Mob und Masse systematisch produzieren, beharrlich abzusehen. Wer jedoch nicht davon absieht, gerät in den Zwiespalt, in dem schon Marx sich befand, der gelegentlich grob auf die Masse geschimpft und doch wie vielleicht kein zweiter geistig für sie gearbeitet hat: dafür, daß sie aufhöre, Masse zu sein. Das zwiespältige Verhältnis zur Masse gehört seither zur Signatur verantwortlichen Denkens. Jede Schmeichelei gegen die Masse ist Kumpanei mit den ökonomischen Bedingungen, die sie zur Masse machen. Aber jede Absonderung von der Masse, die sich nicht als Vorform einer neuen Brüder-Schwesterlichkeit zu verstehen zu geben sucht, ist Arroganz.

Der Mehrheit ist zu kündigen, aber nicht zugunsten einer Minderheit, Clique, Diktatur, sondern, so paradox es klingt, zu ihren eigenen Gunsten. Nicht nach politischen Mehrheiten schielen ist gegenwärtig die einzige Form, der Idee einer Mehrheit, die als Assoziation freier Individuen den Gang des Allgemeinen souverän regelt und dazu keiner Propaganda, Parteien, Lobbys, Gangs und Konkurrenz bedarf, den gebührenden Respekt zu bewahren. Der Gedanke an eine solche Mehrheit schwingt unweigerlich mit, wo der bestehenden rückhaltlos die Rechnung aufgemacht wird. Freilich kommt er gegen die bestehende nicht auf. Mehrheit, die diesen Namen verdient, ist kompromittiert und verstellt durch das, was sich zur Mehrheit aufgespreizt hat, und letztere begreift nicht oder will nicht wahrhaben, wie sehr sie selber schon als Treibstoff einer kollektiven Fahrt in Richtung Katastrophe fungiert. Andernfalls müßte sie sich geradezu danach drängen, jene andere Mehrheit zu werden, die ihres Begriffs nicht spottet, und ob die sich dann Demokratie, Verein freier Menschen oder sonst wie nennt, wäre ein terminologisches Problem, dessen mehrheitlich-solidarische Lösung man getrost ihr überlassen dürfte.

Peter BichselPeter Bichsel: Einundzwanzig Thesen zum Prinzip Hoffnung

1. Überall, wo es keine Demokratie gibt, ist sie zu erhoffen und erstrebenswert

2. Das gilt auch für die Schweiz.

3. Die Demokratie ist eine Vorstellung, also etwas Kulturelles. Ihre politische Institutionalisierung ist notwendig und wünschenswert, sie kann aber die demokratische Kultur nicht ersetzen. Die Institution bekommt ohne entsprechende Kultur ihre Eigendynamik und zerstört damit den Traum Demokratie, die Hoffnung Demokratie.

4. Warum?

5. Daß die Demokratie die beste aller schlechten Staatsformen sei, das ist eine alte bürgerliche Beschimpfung der Demokratie. Dieser Satz macht aus der Demokratie ein notwendiges Übel oder eine Schutzbehauptung der wirklich Herrschenden.

6. Erst nach und nach haben die ehemals Herrschenden gelernt, daß Ihnen die Demokratie besser dient als der Feudalismus. Die Demokratie garantiert Ihnen, daß sie innerhalb des Systems keine Feinde haben. Es war ihnen vorher nicht vorstellbar, daß die Armut gleich denkt wie der Reichtum.

7. Daß der Mächtige keine Feinde hat, das ist das Ziel aller Systeme. Insofern unterscheidet sich die Demokratie von keinem anderen System.

8. Die Demokratie garantiert heute und vor der Geschichte die Schuldverteilung auf alle, das macht sie für die Herrschenden bequem.

9. Der Erfolg der Demokratie – der vorläufige – besteht ausschließlich darin, daß jeder Bürger das Recht hat, ein Reicher zu werden.

10. In der Schweiz ist die Demokratie bereits eingerichtet, also nicht mehr erstrebenswert. Der Traum Demokratie ist hier ausgeträumt – oder durch den menschlicheren Traum, reich und mächtig zu werden, ersetzt.

11. Die Demokratie war ein wirtschaftlicher Erfolg. Sie wurde auch im frühen 19. Jahrhundert mit diesem Argument von den Liberalen propagiert. Das Versprechen der Liberalen ist eingelöst worden.

12. Die Macht der Feudalen wurde durch die Macht der Liberalen ersetzt. Die Schweiz war als Einparteienstaat gedacht. Wer in die Regierung eintritt, tritt in den Freisinn ein. Das ist der einzige Hintergrund des sogenannten Kollegialsystems, das nirgends in der Verfassung festgelegt ist. Die Organisation der Macht ist in der Demokratie eine Gefühlssache. Es ist der Demokratie gelungen, Schuld und Pflichten auf alle zu verteilen. Die Macht aber funktioniert immer noch außerhalb des Systems.

13. Innerhalb des Systems geht es um politische Karrieren, die durch die direkte Demokratie keineswegs erschwert, sondern erleichtert werden. Durch die demokratisch verteilte Schuld wird die Verantwortung der Politiker klein. Nicht etwa die demokratische “Durchschnittlichkeit” gefährdet die politische Arbeit und Innovation, sondern der Umstand, daß sich die Politiker auf die Umständlichkeit der Demokratie verlassen.

14. Die Klage über die mangelnde Stimmbeteiligung ist nichts anderes als die Klage der am System Beteiligten, über mangelnde Liebe. Wenn die Stimmbeteiligung 33 Prozent war, dann setze ich mich anderntags an die Straße und zähle die vorbeigehenden Leute, und dann staune ich, daß jeder dritte gestimmt oder gewählt hat. Wenn das den Beteiligten zu wenig Liebe ist, dann frage ich mich, woher sie ihren Anspruch nehmen. Der ungewählte Kandidat gibt der mangelnden Stimmbeteiligung die Schuld an seiner Nichtwahl, die abgelehnte Initiative gibt der mangelnden Stimmbeteiligung die Schuld. Eigenartig, die Liebebedürftigen wissen immer, wen die Nichtliebenden lieben würden.

15. Durch die Verteilung der Schuld wird die Macht unkontrollierbar, weil sich die eine Macht – die politische – als klein darstellt und sich die zweite – die wirtschaftliche – hinter der ersten versteckt.

16. “Die machen ja doch, was sie wollen” ist ein Mißverständnis des Bürgers. Die Politik verhält sich legal. Der Bürger aber weiß: wenn er sich mit Politik befaßt, dann befaßt er sich nicht mit der Macht. Er kann nicht über jene Dinge entscheiden, über die er entscheiden möchte. Die Dinge, die ihn unterdrücken, entziehen sich der Aufsicht des Staates.

17. So bleibt ihm wie in jedem anderen Staatssystem nur noch die Hoffnung auf ein paar vertrauenswürdige Politiker, mit dem Unterschied zu anderen Systemen, daß diese Politiker es genießen, keine Macht zu haben. Die Entmachtung der Politik macht alle ohnmächtig; das heißt, sie macht die Mehrheit der wirtschaftlich Machtlosen ohnmächtig und die Minderheit der Großbesitzer mächtig. Die allzu feine Verteilung der “Macht” auf alle ist eine demokratische Forderung, die in ihrer letzten Konsequenz Demokratie verhindert.

18. Die direkte Demokratie ist wohl die idealste Demokratie, aber sie birgt in sich die Gefahr der Selbstauflösung. Selbstauflösung heißt Entpolitisierung, Verhinderung von Konfrontation. Im Einparteienstaat können sich keine politischen Ideen entwickeln.

19. Der Demokratisierungsprozeß der Schweiz ist längst abgeschlossen. Er wurde abgeschlossen in einer Zeit mit ganz anderen Problemen. Die Emanzipation der schweizerischen Demokratie ist undenkbar. Wir sind in einer Sackgasse. Nur deshalb sind wir unfähig, auf die Probleme der Welt zu reagieren, unfähig, UN-Mitglied zu sein, unfähig, der EG beizutreten – auf die Dauer auch unfähig, das zu halten, was wir allein und egoistisch erreicht haben. Und dies unabhängig davon, was wir möchten oder nicht möchten.

20. Kein Schweizer denkt an Demokratie, wenn er an die Schweiz denkt; er denkt nur an Prosperität. Die Demokratie gehört zu seinem Bild der Schweiz schon längst nicht mehr – die ist nur noch da.

21. Daß der reale Sozialismus gescheitert ist, das bringt mich ebenso wenig davon ab, Sozialist zu sein, wie mich das Scheitern der realen Demokratie davon abbringt, Demokrat zu sein. Allerdings ist es nirgends so schwer, auf den Sozialismus zu hoffen, wie im Sozialismus – nirgends so schwer, auf die Demokratie zu hoffen, wie in der Demokratie.

 

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